Aktuell

Fakt und Fiktion zu ABA/AVT

Vera Bernard-Opitz

 

Leider gibt es – besonders in Deutschland – immer wieder Vorurteile gegenüber der Verhaltenstherapie/ABA (Applied Behavior Analysis) und AVT (Autismus-spezifischer Verhaltenstherapie) (s. Graf, 2021, Heft des Bundesverbands Autismus Deutschland). Daher soll die folgende Stellungnahme verhindern, dass Fehlannahmen und Vorurteile gegenüber ABA/AVT verstärkt werden. Kritiker befürchten z.B. eine Veränderung der Persönlichkeit durch eine Veränderung des Verhaltens von Betroffenen. Auch wird betont, dass Individuen mit Autismus nicht Therapien unterworfen werden sollten, die eine Normalisierung des Verhaltens anstreben, sondern dass Toleranz gegenüber Andersartigkeit praktiziert werden sollte. Obige Sorgen werden durch das Aufzeigen aktueller ABA/AVT Methoden und Praktiken klar gestellt.

 

1. Kritik an der sog. „Lovaas-Therapie“

  • Lovaas arbeitete zunächst mit nicht-sprechenden und sich selbstverletzenden Individuen und zeigte bereits in den 60-er Jahren, dass Kinder mit Autismus durch das Diskrete Lernformat (DLF) sprechen lernen und später erfolgreich in Regelklassen integriert werden konnten.
  • Hierbei handelte es sich vorwiegend um den sogenannten „frühkindlichen Autismus“ (ehemals „Kanner-Syndrom“), denn die Diagnose „Asperger Syndrom“ oder „Autismus Spektrum“ war damals noch nicht bekannt.
  • Anfangs setzte Lovaas bestrafenden Maßnahmen ein, was weder der aktuellen Praxis von deutschen Verhaltenstherapeuten noch von international zertifizierten Verhaltensanalytikern entspricht. Erstere sind durch ihre Berufsordnung an einen wertschätzenden Umgang mit den Klienten, letztere an einen verbindlichen Ethik-Kodex gebunden (https://www.bacb.com/ethics-information/ethics-codes/).
  • Die Betonung von Strafmaßnahmen wurde als Fehler der Anfangszeit eingeräumt. Das sollte nicht aus dem historischen Kontext herausgenommen werden und darf keineswegs auf aktuelle ABA übertragen werden. Bereits zu Beginn der 80-er Jahre ersetzte Lovaas strafende Konsequenzen durch Extinktion und positive Verstärkung (Lovaas, 1981).
  • Auch ergänzten in dieser Zeit die Schüler von Lovaas das DLF durch Methoden des „Natürlichen Lernformats“ (NLF), des „Lernens am Modell“ des Ansatzes „Verbal Behavior“ (VB) sowie Visueller Methoden (Sundberg, 1982; Koegel et al, 1987; Leaf & McEachin, 1999).  Kurze Zeit später wurde Elternarbeit in den Mittelpunkt gestellt (Laski et al, 1988) und die sogenannte „positive Verhaltensunterstützung“ („Positive Behavior Support“ (PBS), Carr et al, 2002) entwickelt. Diese fokussiert auf Prävention sowie auf den ausschließlichen Einsatz positiver Konsequenzen. Auch das Lernen von Schlüssel-Verhaltensweisen („Pivotal Response Training“ (PRT), Koegel & Koegel, 2006) sowie die Entwicklung von Prädiktoren für den Behandlungserfolg spezieller Strategien gehören zur Geschichte lerntheoretisch basierter Autismus Ansätze (Sherer & Schreibman et al, 2005).
  • Zum Verständnis der aktuellen Verwendung von ABA-Prinzipien im Bereich Autismus müssen in jedem Fall Entwicklungen über die Anfangszeit hinaus berücksichtigt werden, wie das zu Lebzeiten von Lovaas bereits verbreitete Zitat: „Selbst Lovaas macht schon lange keine Lovaas Therapie mehr“.

 

2. Kritik des Diskreten Lernen

 

  • Das DLF ist eine lerntheoretisch basierte Methode, bei der einfache wiederholte Anweisungen, effektive Hilfen und Verstärker eingesetzt werden. Dieses ermöglicht erfolgreiches Lernen, speziell für Kinder mit schweren Beeinträchtigungen (früher „Kanner-Syndrom“). Dieses ist bei Menschen mit hochfunktionalem Autismus (früher „Asperger-Syndrom“) meist gar nicht nötig.
  • Methoden, die auf ABA beruhen sind vielfältig und sollten nicht auf das Diskrete Lernformat (DLF) der Anfangszeit, die sog. „Lovaas-Therapie“ reduziert werden. Mit Einführung des Begriffs AVT (Autismus spezifische Verhaltenstherapie, Bernard-Opitz, 2009) wird deutlich gemacht, dass das Spektrum der evidenzbasierten und praxiserprobten Methoden entsprechend dem Spektrum des Autismus verschiedene Strategien einschließt, z. B. Funktionale Verhaltensanalyse, Diskretes Lernformat, Präzisionslernen, Sozialtraining, Visuelle Methoden, Videomodellierung, kognitive Verhaltensmodifikation etc. (Hume & Odom, 2011). Siehe hierzu obiges Regenbogen-Logo sowie Beiträge der „AutismusKonkret“-Serie des Kohlhammer-Verlags, in der evidenzbasierte Methoden in kurzen Praxisheften nun auch deutschen Lesern zur Verfügung stehen.
  • Im Rahmen der Schule oder von Einzeltherapien (wie auch Ergotherapien oder Motopädie) kann es zwar auch manchmal bei Schülern mit hochfunktionalem Autismus sinnvoll sein, gezielte DLF-Übungen einzusetzen, um Defizite auszugleichen oder Motivationshilfen zu geben, wie z.B. um Vokabeln oder Geschichtsfakten, eine korrekte Bleistifthaltung oder bestimmte Bewegungsabläufe zu lernen. Das jedoch ist keine böswillige „Anpassung an die Normalität“, sondern eine übliche Methode in  jeder Form von Förderung/Therapie oder auch dem regulären Schulunterricht.
  • So wie ein Legastheniker gezielte Hilfe bekommt, sollte auch ein Mensch mit Autismus bei Motivations-, Lern- oder Sozialproblemen nicht allein gelassen werden. Hier gelten verschiedene lerntheoretische Strategien als allgemein anerkannt.

 

3. Kritik an Erziehungs- und Therapieansätzen, die das Individuum an die Normen der Gesellschaft anpassen

 

  • Gesellschaften haben Normen und Kinder (sowie z.B. jeder Verkehrsteilnehmer) bekommen von Anfang an Hinweise, sich an diese anzupassen. Durch Modelllernen und Verstärkung entwickeln Kinder Verhaltensweisen, durch die es für sie leichter wird, Fähigkeiten wie Sprache zu entwickeln, Freunde zu finden, Schulfähigkeiten auf- und auszubauen, etc. Warum sollte man Kindern diese Anregungen nicht gezielt geben, wenn sie auf dem Autismus Spektrum sind?
  • Selbstverständlich ist Toleranz für Andersartigkeit sinnvoll und wichtig und es sollten nur solche Verhaltensweisen verändert werden, die den Betroffenden oder seine Umgebung signifikant einschränken oder seine Entwicklung entscheidend behindern. Förderung erfolgt daher nur, wenn das Kind/der Jugendliche oder der Erwachsene unter seiner Problematik leidet oder seine Integration in die Gesellschaft/Familie/ o.ä. durch sein Verhalten gefährdet ist und die Bezugspersonen daher um Hilfe bitten.
  • So kann es sinnvoll sein, einem Schüler, der durch dauerhaftes Schreien den Unterricht stört, eine alternative Kommunikationsform zu geben.  Andererseits besteht kein Handlungsbedarf bei demjenigen, der im Unterricht mit den Händen wedelt ohne dass hieraus ihm oder seinen Mitschülern Probleme entstehen.

 

4. Kritik an der mangelnden Berücksichtigung der Persönlichkeit bei ABA/AVT/VT Strategien

 

  • Es wird von ABA-Kritikern z.T. behauptet, dass ABA-Therapeuten Betroffenen aufgrund von Defiziten in der Kommunikation und im Sozialverhalten eine Persönlichkeit absprechen. Dies trifft nicht zu. Hier werden Konzepte vermischt und es besteht die Gefahr, dass lang überholte Aussagen der 60er Jahre auf aktuelle ABA-Förderung im Autismusbereich angewandt werden. Auch hier besteht aus der geschichtlichen Perspektive die Gefahr, dass aktuelle ABA-Strategien  missverstanden werden. Auch sollte das „schwierige Konzept der Person“ (Gordijin, 1999) zunächst klar definiert werden.
  • Im Zentrum von ABA steht die Funktionale Verhaltensanalyse, bei der es um ein sehr komplexes Verständnis des Individuums, seines sozialen Kontextes und seiner Probleme geht. Wahrnehmungsbesonderheiten, Interessen, Motivation, organische und psychische Befindlichkeit etc. gehen selbstverständlich in die Analyse ein (Bernard-Opitz, 2009, 2018).
  • Ziel der Funktionalen Verhaltensanalyse ist es zu verstehen, warum ein Kind ein Verhalten in einer bestimmten Situation zeigt und wie es sein Ziel durch ein sozial angemesseneres Verhalten erreichen könnte. Ursachen und Funktionen von Verhalten spielen daher eine ganz entscheidende Rolle in der Verhaltenstherapie/ABA. Sie bilden die Grundlage für den Aufbau von Alternativverhalten (wie übrigens bei jedem Problemverhalten, für das Klienten Hilfe bei Therapeuten suchen).
  • Viele Eltern und betroffene Individuen suchen Hilfe bei schweren Verhaltensproblemen wie Selbstverletzung, Aggression, Wutausbrüchen oder auch Toilettenproblemen, zur Förderung der Selbstständigkeit und zum Aufbau von basaler Kommunikation.
  • Oft ist das selbst bestimmte Ziel von älteren Betroffenen freier von Zwängen oder Ängsten leben zu können, Freundschaften, Kommunikations- oder Team-Fähigkeiten zu verbessern oder auch Chancen auf eine befriedigende Partnerschaft oder Arbeit zu bekommen. Zu einer ethischen Betrachtungsweise gehört hier, auch die Folgen des Nichts-Tuns als „unterlassene Hilfeleistung“ zu bedenken.
  • Aus meiner Sicht war immer - und ist auch weiter - das Eindenken in das Gegenüber bzw – wenn möglich - Befragungen zur Innensicht des Betroffenen ein zentraler Teil jeder guten AVA/AVT. Bei diesem Versuch, „to walk away in my shoes“ (in meinen Schuhen zu gehen) kommt man zumindest der Person des Anderen recht nahe.

 

Zusammenfassung

 

  • Es ist positiv, dass Menschen am oberen Ende des Autismus Spektrums auf Akzeptanz und Inklusion hinweisen. Allerdings sollte die Meinung einer medial aktiven Gruppe von Anti-ABA-Vertretern nicht durch unberechtigte Kritik an überholten ABA-Strategien eine der effektivsten und wissenschaftlich anerkannten Hilfen für die Mehrzahl der Individuen mit ASS in Frage stellen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit „Frühkindlichem Autismus“ haben Recht auf angemessene Therapie und Förderung und ihre Eltern kämpfen um die Chance für effektive ABA/AVT-Behandlung und für ein Leben mit ihren Kindern, dass so normal wie möglich sein kann. 
  • Speziell Eltern von Kindern und Jugendlichen mit schweren Verhaltensauffälligkeiten wünschen sich nichts sehnlicher als einen „normalen“ Alltag, ohne ihre Hoffnungen unter dem Mantel der „Toleranz für Andersartigkeit“ begraben zu müssen.
  • ABA/AVT schließt – vergleichbar zur Verhaltens- oder Psychotherapie - keineswegs Toleranz gegenüber Andersartigkeit aus, sondern versucht, mit Empathie und Respekt für den Menschen mit ASS Therapieziele zu entwickeln, die sich an den Zielen des Betreffenden und seiner Umwelt orientieren und die Selbstwirksamkeit des Menschen erhöhen sollen.
  • So wie es in den siebziger Jahren auch in der Schule fragwürdige pädagogische Methoden gegeben hat und es sicher auch derzeit noch schwarze Schafe unter Pädagogen, Psychotherapeuten oder Verhaltenstherapeuten gibt, trifft das auch für einzelne  Verhaltensanalytiker zu, die von sich behaupten, ABA zu betreiben und dabei neue Entwicklungen nicht einbeziehen.  Dennoch setzt sich die Mehrheit der betroffenen Kollegen mit viel Engagement durch strukturierte Lernangebote, ABA/AVT Programme, Sozialtrainings etc. für diese Gruppe mit evidenzbasierten und praxiserprobten Methoden ein. Wir sind hierbei sehr viel weitergekommen, als zu den Zeiten von Bettelheim, den Anfängen der Pädagogik oder der Verhaltenstherapie vor sechzig Jahren.