Vera Bernard-Opitz

Digitales Lernen für Kinder mit und ohne Autismus

Als ich vor einer gefühlten Ewigkeit mit einem der ersten Macs und vielen Lernprogrammen aus San Diego in die Johannes-Anstalten nach Mosbach kam, hielt sich die Begeisterung bei Lehrern und Heilerziehern über mein Mitbringsel deutlich in Grenzen. “Nun will die auch noch Autisten vor einen Computer setzen und damit noch autistischer machen!” war eins der deutlichen Feedbacks.  Demgegenüber waren viele Schüler mit ASS durch die Animationen und den kleinschrittigen Lernerfolg voll bei der Sache. So hüpfte die 8-jähige Johanna nach den ersten Übungen mit einem digitalen Frosch-Schreibprogramm voller Elan aus der Schule und verkündete in ihrer Wohngruppe, dass sie nun schreiben konnte. Dort traf sie allerdings den Realismus einer HEP, die meinte, sie sollte das doch mit Papier und Bleistift erst einmal beweisen.

 

Kurze Zeit später konnten wir mit einem DFG-Projekt zeigen, dass verschiedene Förderziele durch Lernprogramme mit größerem Enthusiasmus erreicht werden konnten, wenn der Computer eingesetzt wird als in der Interaktion mit Therapeuten. Jahre später wurde das auch in unserem Forschungszentrum an der Universität in Singapur bestätigt.  Hier wurde deutlich, dass Lautierung von nicht-sprechenden Kindern, die visuell auf dem Computer dargestellt wurden, zu verstärkter Lautbildung führte als die Wiedergabe der Laute im Spiel.  Auch einfaches soziales Problemlösen durch Computereinsatz war effektiv.

 

Nun haben wir ein Jahr Pandemie und die digitale Welt hält mehr oder weniger langsam auch in Deutschland Einzug in die Schulen. Online-Unterricht,  digitales Lernen und „Homeschooling“ sind keine Fremdworte mehr, jedoch an vielen Stellen wenig oder suboptimal entwickelt. Meinungen über digitalen Unterricht sind gespalten, weil oft Internet-Verbindungen nicht funktionieren, Endgeräte nicht vorhanden sind oder Eltern und Lehrer mit der Technik überfordert sind.  Einige Eltern und Schüler sind allerdings begeistert, während andere nichts sehnsüchtiger wünschen als dass die Schule wieder dauerhaft geöffnet bleibt.

 

Die Kritiker des „Homeschooling“ weisen auf Schwierigkeiten mit digitalen Medien,  der unzureichenden Interaktion mit Lehrern und Mitschülern und auf den elterlichen Stress bei gleichzeitiger Arbeit im home-office hin.  Es wird betont,  dass Kinder Lernchancen verpassen könnten und durch mangelnde Interaktion mit anderen Kindern Defizite im Sozialverhalten entwickeln. Zwar können nicht alle Sorgen aufgefangen werden, aber die langjährige Tradition des „Homeschooling“ in den USA kann hilfreich sein, einige der obigen Sorgen in ein neues Licht zu stellen. Mit „Homeschooling“ ist allerdings etwas sehr anderes gemeint als die Pandemie-bedingte Notwendigkeit zum Unterricht zuhause. Auch Jahre vor der Pandemie wurden mehr als 3% der Kinder in den USA zuhause beschult. Dabei sind in den letzten Monaten Schulaustritte und Anträge für Home-Schooling rasant angestiegen.

 

Seit den siebziger Jahren ist Homeschooling in den USA als eigenständiger Unterricht etabliert, wobei meistens Eltern die Lehrer ihrer eignen Kinder sind. Sie unterrichten sie dabei zuhause oder in Büchereien, Museen, technischen oder handwerklichen Arbeitsplätzen. Oft werden die Nachmittage mit anderen Kindern verbracht, die ebenfalls Homeschooler sind. Gemeinsam nehmen sie so an Sport, Musik, Kunst oder sogar Theaterspiel teil. Zum Teil lehnen sich die Lehrpläne an die Waldorf- oder Montessori-Erziehung an, zum Teil sind sie aber auch frei, wobei erfahrungsorientiertes Lernen betont wird. Abschlussprüfungen werden entweder von der Schule abgenommen oder durch allgemeine Eingangstests wie SAT und ACT ersetzt. Es konnte gezeigt werden, dass Homeschooler im Durchschnitt bessere Testergebnisse sowie besseres Sozialverhalten zeigten, dass sie selbstbewusster und reifer waren und tiefer gehende Freundschaften entwickelten. Sicher stellt sich hier allerdings die Frage, ob diese Ergebnisse aufgrund der Selektion von Eltern höherer Bildungsschichten und deren zeitlicher Verfügbarkeit zustande gekommen sind.

 

Während es bis zu Beginn der Pandemie in Deutschland verboten war, dass Eltern ihre Kinder zuhause unterrichten, wurde der Präsenzunterricht im letzten Jahr oft ausgesetzt so dass digitaler Fernunterricht Zuhause angesagt war.  Nach Angaben der Westermann Gruppe war bereits ab 2015 digitales Lernen immer beliebter geworden, auch da mehr als 90% der Schüler unter 15 Jahren bereits Zugriff auf ein Smartphone, einen iPad  oder ein Tablett hatten.

 

Mittlerweile kann man für eine kleine monatliche Gebühr den individuellen Lernstand der Schüler der Klassen 5 bis 10 in den Hauptfächern überprüfen und auf verschiedene Weise (Erklär- und Demo-Videos, Übungsaufgaben und Tests) sein schulisches Wissen erweitern (https://www.kapiert.de). So kann man Kommaregeln, Aufsätze, Winkelmessungen, Prozentrechnungen oder selbst Weltreligionen am Computer oder Laptop bei diesem oder anderen Anbietern lernen.

 Statt passiv am Unterricht teilzunehmen erfordert online Lernen von den Schülern verstärkte Eigeninitiative und Interesse oder aber motivierende Eltern, die für Homeschooling Zeit haben. Lehrer werden zum Teil als „Lernbegleiter“ eingesetzt, die durch Chat-Gruppen mit ihren Schülern verbunden sind  (Blume, Zeit online, 2020).

 

Zu den Befürwortern des Unterrichts Zuhause gehören auch die Eltern, deren Kinder zum Beispiel aufgrund autistischer Probleme ungern in die Schule gehen und die in der häuslichen Umgebung – oft mit individueller Ansprache durch Eltern, Studenten oder Schulbegleiter und dem verstärkten Einsatz von apps und digitalisierten Lernprogrammen - effektiver lernen. 

 

Bei jungen Kindern und Schülern mit ASS oder Lernbeeinträchtigung ergibt sich die Frage, welche Strategien sinnvoll sind für den Unterricht Zuhause. Wie können Schulthemen unterstützt werden oder zunächst einmal Voraussetzungen für diese Themen und digitales Lernen geschaffen werden? In jedem Fall muss berücksichtigt werden, dass das Autismus Spektrum einen weiten Bereich an Fähigkeiten, Begabungen, Interessen, Defiziten und Lernbarrieren umfasst. Hier kann das große Angebot an digitalen Lernprogrammen und Apps eine enorme Chance bieten. Gerade aufgrund der Begeisterung für Computer, Videos und online Spielen kann digitales Lernen für Betroffene mit Autismus einen neuen Stellenwert einnehmen und Eltern und Lehrer entlasten.

 

 

APDD Reasoing

Quizmaker

Emotions


Apps – ein leichter Start

 

Vor 20 Jahren brach mit der Kommunikations-App Prologue2Go ein riesiger Markt auf für Menschen mit Kommunikationsproblemen und anderen Beeinträchtigungen. Fünfzehn  Jahre später wurde ein Buch mit mehr als 200 apps für Autismus in Englisch herausgegeben (Brady, 2015). Hierin wird ein Überblick gegeben über Programme zur Sprachentwicklung wie „Ein-Wort“ Apps bis zu komplexen Vokabeltrainern, Kommunikations- oder Diktier-Apps. „Go Talk“ und „Metatalk“ oder „Tipp Mal“ wurden auch in Deutschland bekannt.

 

Um Kinder mit ASS zunächst an den Umgang mit dem Tablett oder den ipad zu gewöhnen, sollten einfache Ursache-Wirkungsprogramme eingesetzt werden. Ist das Kind an Musik interessiert, mag es gern der Bewegung von Blättern zusehen oder aber lieber Tierstimmen hören oder Dinge explodieren erleben – je nach Interesse sollte hier eine motivierende App eingesetzt werden.

 

Der gleiche Zuschnitt von Apps auf individuelle Präferenzen gilt auch auf einer nächsten Ebene. Zuordnungsprogramme können auf das Lernen von Farben, Formen, Objekten, Personen, Buchstaben, Zahlen, Mengen, Größen, Zugehörigkeit, Funktionen und vieles mehr eingesetzt werden. Auch für Lesen, Schreiben, Sprachverständnis, Pragmatik sowie das Erkennen von Gefühlen oder sozialen Situationen gibt es zahlreiche Apps.

Online Programme

 

Online Programme sind i.a. nicht spezifisch für Kinder mit Lernbesonderheiten ausgerichtet, sondern müssen ebenfalls auf ihre Fähigkeitsprofile und individuelle Lernziele abgestimmt werden. Hier ist eine kleine Auswahl an herkömmlichen Programmen, die bei vielen Kindern und Schülern mit ASS beliebt sind:

 

Anton ist eine Lernprogramm, das Online als auch als app verfügbar ist. Sie wird für die Klassen 1 – 4 in Deutsch und Mathematik eingesetzt und umfasst die Altersgruppe von sechs bis zwölf Jahren.  Sie motiviert mit Spielen zur Verbesserung der schulischen Fähigkeiten.

 

Lernbiene wird hauptsächlich für das Homeschooling der Klassen 1 bis 6 für die Fächer Deutsch, Mathe, Religion, Sachunterricht, Sport, Kunst, Ethik, Musik, und Englisch genutzt.

 

Lernkiste bietet Unterrichtsmaterial für Schüler an, die in der 6-ten bis 9-ten Klasse sind. Fächer wie BWR, Englisch, Deutsch, Geschichte, Werken, IT, Wirtschaft/Recht, und HE werden hierbei auch mit Erklär-Videos eingesetzt.

 

Schlaukopf deckt Klassen in der Grundschule, der Hauptschule, der Realschule, dem Gymnasium und der Gesamtschule ab. Verschiedene Schwierigkeitsstufen stehen zur Verfügung, wobei auf den unteren Stufen Rechnen bis 20, Geometrie oder einzelne Buchstaben gelernt werden können.

 

ST-Math ist ein englisches Matheprogramm, das für die Vorschule bis zur 8-ten Klasse geht. Hierbei werden Schüler angeregt, mathematisch zu denken, wobei sie durch das Weiterkommen eines kleinen Pinguins belohnt werden.

 

Sternchen-App (Sternchenverlag) dient dazu den Schülern das Lesen, Schreiben und Sätze Lesen beizubringen. Es gibt jeweils zwei Schwierigkeitsstufen für jede Kategorie. 

Sofatutor

Sternchen Verlag


Daneben gibt es auch sehr spezielle apps, mit denen die Motivation der Kinder oder Fähigkeiten wie Sprachverständnis, Artikulation, Wahrnehmung, Kognition, Sozialverhalten oder auch logisches Denken getestet und gefördert werden können.  Im Englischen gibt es Lernplattformen mit Tausenden von Progammen, die durch Videos und Schülerteams das Lernen anschaulich, praxisnah, motivierend und sozial machen. 

 

Die rasanten Entwicklungen im digitalen Lernen sollten auch Eltern und Lehrer Hoffnung machen. Speziell der Wechsel von eigenständigem Onlinelernen und dem Besuch des Unterrichts, sogenanntes "Blended Learning", kann in Zeiten der Pandemie zum Vorteil werden.

 

Eltern und Lehrer sind nicht länger allein im Erstellen von Arbeitsblättern und Lehrplänen, sondern bekommen zunehmend Hilfe durch digitale Lernprogramme, Videos und Apps. Und vielleicht ist das ja auch ein kleiner Ausweg aus der Frustration mit Schulschließungen und Wechselunterricht in dieser endlos scheinenden Pandemie.