Geht Schule in Zeiten von COVID-19 auch anders?

 

Herausforderungen nicht nur für Schüler mit Autismus

Vera Bernard-Opitz

Kinder in abgeschirmten Kabinen ihrer Klasse in der St. Barnabas Katholischen Schule während der Covid-19 Pandemie, Okt. 2020, The Canadian Press.

 

 

Während der letzten 10 Monate hat die Corona Pandemie offensichtlich Schulsysteme, Lehrer, Schüler und ihre Eltern arg gebeutelt. Wenn selbst Erwachsene unter der mangelnden Planbarkeit der Schule stöhnen, wie mag dieses für Schüler mit Autismus sein, die Voraussehbarkeit so viel dringender benötigen? Dieser Gruppe fällt es schwer, wenn sich zeitliche Abläufe, Lernorte, Lernmethoden und Kontakte von einem Tag zum nächsten ändern. Oft führt das zu erheblichem Stress und ist Auslöser für schwerwiegende Verhaltensprobleme.

Nun kommt Weihnachten und der zweite Lockdown ist in Deutschland beschlossen. Musste es soweit kommen? Was kann man von Ländern lernen, die bislang die Krise erfolgreicher bekämpft haben? Welche Hilfen gibt es durch individuelle Lösungskonzepte, online Lernen und qualifizierte Schulbegleiter für Kinder und Jugendliche mit Autismus?

 

 Zu viel diskutiert und zu vorsichtig gehandelt?

 

Was sich die Welt sicher am meisten zu Weihnachten wünscht, ist dass die Pandemie weltweit beendet wird und die Schulen und die restliche Gesellschaft zu einem stabilen Regelbetrieb übergehen. Dieses Ziel scheint besonders in asiatischen Ländern erreicht und macht nachdenklich. Was ist dort besser gelaufen?

 

Daten, die nachdenklich machen (https://ourworldindata.org/coronavirus)

  • Deutschland hat mit seinen 80 Millionen Einwohnern insgesamt 1,3 Millionen Infizierte und 22.000 Tote.
  • Die USA hat mit 330 Millionen Einwohner, sehr heterogenen Staaten und einer chaotischen politischen Führung 16,4 Millionen Infektionen und 304.000 Tote.
  • Vietnam hat bei 95 Millionen Einwohnern insgesamt nur 35 Covid Tote.
  • Thailand hat offensichtlich mit seinen 70 Millionen Einwohnern und lediglich 50 Toten vieles richtig gemacht.
  • Neuseeland hat bei einer Einwohnerzahl von 5 Millionen insgesamt nur 2092 Fälle und 25 Tote und gilt derzeit im Wesentlichen als Covid-frei.

Abstand, Masken, Hygiene und online Beschulung werden in erfolgreichen Ländern kaum infrage gestellt!

Erfolgreiche Sofortmaßnahmen zu Beginn der Pandemie in Singapur (5 Mill. Einwohner, 29 Tote)

  • Klare Regeln durch Politik und Medien
  • Freies Zusenden von 5 Masken pro Haushalt
  • Prompte Einrichtung von Abschirmungen zu sozialer Distanz
  • Durchsichtige Kontaktverfolgung von Infizierten über Apps
  • Schließung der Schulen von Februar bis Juni
  • Qualifizierter online Unterricht

Heute (15.12.2020) nur EINE einzige Neuinfektion!


Online Team-teaching in Singapur

 

https://theconversation.com/how-to-create-engaging-online-learning-amid-covid-19-pandemic-lessons-from-singapore-1389

 

Was könnte in Zukunft besser laufen?

 

Auch wenn Flexibilität in Zeiten eines unberechenbaren Virus notwendig ist, ist die Bedrohung durch Covid 19 in Deutschland im Vergleich zu den obigen Beispielen offensichtlich unterschätzt worden. Gegenüber dem deutschen Auf und Ab der Regeln griff man in vielen asiatischen Ländern oder auch Neuseeland und Australien schneller und einheitlicher durch, um die Krise effektiv zu meistern. Anlässlich der aktuellen Notsituation werden verbindliche, nachhaltige Lösungen zunehmend wichtiger.

  •  Es wäre wünschenswert, wenn die Planung, Koordination und Kenntnis der Situation von Eltern, Lehrern und Schülern seitens der verantwortlichen Kultusminister und Gesundheitsbehörden verbessert würde. Hierbei können schnelle und eindeutige Anordnungen sinnvoller sein als „Endlos-Diskussionen wie in einem antiautoritären Kindergarten“ (Bartens, SDZ). Hier wurde in erfolgreichen Ländern schneller und eindeutiger reagiert.
  • Auch  bei der Möglichkeit, über Corona-Apps Infektionsketten schneller aufzuzeigen, standen endlose Diskussionen mit Datenschützern einer wirksamen Eindämmung des Geschehens entgegen – erneut im Gegensatz zu vielen asiatischen Ländern.
  • Wenn Eltern die Möglichkeit haben, zwischen verschiedenen Unterrichtsformen (Präsenz-/Online-/Hybridunterricht) selbst zu entscheiden,  kann das – wie hier in Südkalifornien – einen effektiveren Unterricht in kleineren Gruppen ermöglichen.  Ist es demgegenüber denn wirklich die beste Lösung, mit einer N95 Maske stundenlang 30 Schüler zu unterrichten und dabei regelmäßig bei Wintertemperaturen Türen und Fenster aufzureißen? Und das vielleicht noch mit einem Inklusionsschüler, der das Ganze lautstark kommentiert und die Situation protestierend verlässt!
  • Auch muss eine sichere und kompetente Betreuung speziell von Schülern mit Autismus oder speziellem Förderbedarf in allen Varianten der Beschulung gewährleistet sein. Hier ist die Qualifizierung von Schulbegleitern eine riesige Chance für optimale Förderung von Schülern mit Autismus oder anderen Lernbeeinträchtigungen. Obwohl eine Unterstützung durch Schulbegleiter gesetzlich verankert ist, wird diese im Zuhause des Betroffenen allerdings nur in Ausnahmen erlaubt, selbst wenn Lernen nur so möglich ist. Auch hier wäre – speziell für schwerer beeinträchtigte Kinder mit Autismus – Flexibilität der Behörden ein Segen für die Eltern.
  • Ab einer bestimmten Inzidenz an Infektionen sollte online Unterricht effektiv eingesetzt werden, was allerdings nur unzureichend umgesetzt werden konnte. Mittlerweile herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass hierzu IT-Voraussetzungen in Gemeinden, Gesundheitsämtern, Schulen und Elternhäusern verbessert werden müssen. Schüler müssen mit entsprechenden Geräten ausgestattet werden, geeignete Software muss gefunden werden, programmierte Lehrpläne müssen ausgebaut werden und Lehrer und Eltern müssen für den Online Unterricht fit gemacht werden. Als Übergangslösung könnte man Teamteaching von Technologie-fernen Lehrern und IT-kompetenten Fachlehrern, Studenten oder sogar Freiwilligen (auch Eltern) überlegen.

 

Wie können Schüler mit Autismus vom Online Unterricht profitieren?

 

Bereits in den neunziger Jahren konnten wir zeigen, dass Computerprogramme Kinder mit Autismus motivieren und Sprache sowie Sozialverhalten selbst bei stark beeinträchtigten Kindern aufgebaut werden konnte. Mittlerweile stehen differenzierte Kommunikations-Apps, Lernprogramme, Video- und Datensysteme zur Verfügung.

  • Sowohl im Präsenzunterricht als auch in der Online Situation ist für die meisten Schüler mit Autismus gut strukturiertes und visuell vereinfachtes Lehrmaterial eine grundlegende Lernvoraussetzung.
  • Klare Absprachen über den Stundenablauf, Lernziele und Verhaltenserwartungen, sowie Einsatz von motivierenden Medien, Arbeitsmaterialien und individuell relevante Projektarbeit sind auch im Online-Lernen hilfreich.
  • Sofern der Schüler vom allgemeinen Lehrplan wenig profitiert, kann als relativ schnelle Lösung der gezielte Einsatz von Lern-Apps, Videos und frei zugänglichen Internet-Ressourcen zu allen Fächern und Klassenstufen genutzt werden. Selbst ein Sozialtraining über Teletherapie kann durch entsprechende Programme ermöglicht werden. Schüler können durch interaktive online oder PPT Vorträge,  Projekte ihres Interesses und Chat-Rooms motiviert werden.

 

Wünsche, nicht nur zu Weihnachten!

 

Selbst wenn die Impfung Covid-19 im kommenden Jahr besiegen sollte, wird die Schule nicht unverändert aus der Krise hinausgehen. Vielleicht kann das deutsche Bildungssystem sich durch die Pandemie schneller auf internationale Standards einschießen und  e-learning, innovative Lernmethoden, Lehrerfortbildung und Inklusion schneller vorantreiben. Es gibt ja auch in Deutschland gute Modelle! Es wäre jedenfalls wünschenswert, wenn Entscheidungsträger die Erfahrungen der vergangenen Monate von Schülern, Lehrern und Eltern als auch Vergleiche mit anderen Ländern verstärkt berücksichtigen würden. Statt Corona-Leugnern in den Medien eine Plattform zu geben, wäre es sicher hilfreicher, erfolgreiche Schulmodelle  aus dem In- und Ausland öffentlich zu diskutieren.

 

Wünschenswert wäre es auch, wenn online-Lernen ausgebaut würde, um auch deutsche Schüler auf die Anforderungen der Zukunft besser vorzubereiten oder sogar für eine mögliche neue Krise zu wappnen. Sicher ist es dabei nicht einfach, ältere Technologie-ferne Lehrer zu überzeugen und zu begeistern. Auch sollte der besondere Schutzbedarf für Kinder und Jugendliche mit Autismus nicht vergessen werden. Kleinere Lerngruppen, Autismus-spezifische Maßnahmen mit verstärkten Absprachen und effektivem Einsatz von technischen Lernmöglichkeiten sowie qualifizierte Schulbegleiter werden auch bei der Rückkehr zum Regelunterricht hilfreich sein.

Vielleicht kann man ja in der diesmal stilleren Weihnachtszeit dazu konkrete Pläne machen. In jedem Fall wünsche ich eine sichere Weihnachtszeit, ein gesundes 2021 und vielleicht sogar ein paar mehr online taugliche Laptops oder iPads mit guten Lernprogrammen!

 

Vera Bernard-Opitz, Dezember 2020